ASSE II und MARIAGLÜCK:

Erst restlose Aufklärung - dann Kontrolle durch Greenpeace!

"Bis Juni 2008 waren die aus dem Deckgebirge in die Schachtanlage Asse zutretenden Salzlösungen unterirdisch ge-fasst und in die Salzbergwerke Mariaglück, Hope und Salzdetfurth gebracht worden. Die Transporte wurden gestoppt, nachdem festgestellt worden war, dass Vorgaben der Strahlenschutzverordnung nicht erfüllt oder nur unzureichend betrachtet wurden. Vor der Wiederaufnahme der Abtransporte musste deshalb nachgewiesen werden, dass die Anforderungen der Strahlenschutzverordnung erfüllt werden." Dies teilte das Bundesamt für Strahlenschutz in einer Pres-semitteilung vom 13.11.2008 mit.

Vorgaben der Strahlenschutzverordnung sind bei den Transporten nach Höfer nicht erfüllt worden!
Weil: Potentiell relevante Radionuklide waren nicht im erforderlichen Umfang untersucht worden.

Seitdem spielen Betreiber und Landesregierung diesen Verstoß gegen die Strahlenschutzverordnung nicht nur herunter, sondern sie arbeiten gezielt daran, die Transporte nach Höfer / Mariaglück schnellstmöglich wieder aufnehmen zu können. Höfer hat hierbei seit Monaten erste Priorität.

Schon im so genannten "Statusbericht des Niedersächsischen Ministeriums für Umwelt und Klimaschutz" (NMU) vom 1. September 2008, der ersten "Aufarbeitung" des Asse-Skandals, wird zu Höfer gesagt:

"Der Betreiber des Bergwerks Asse II plant, Laugen im Rahmen einer eingeschränkten Freigabe in das Bergwerk Mariaglück zu verbringen. Voraussetzungen für diese Freigabe sind hier
* eine Begutachtung, ob entsprechend § 29 Abs. 2 StrlSchV [Strahlenschutzverordnung] für Einzelpersonen der Be-völkerung eine effektive Jahresdosis von 10 ?Sv [Mikrosievert] bei der Verbringung in das Bergwerk Mariaglück eingehalten wird und zusätzlich die Maßgaben nach § 47 StrlSchV (Begrenzung der Ableitung radioaktiver Stoffe) eingehalten werden können,
* die Vorlage und Begutachtung eines Freigabeablaufplanes, der die einzelnen Schritte der Freigabe regelt,
* sowie der Nachweis über die Erfüllung der Vorgaben dieses Ablaufplanes. Als eine der grundlegenden Voraussetzungen für eine Freigabe wird eine vollständige radiologische Analyse der freizugebenden Laugen gefordert."

Es galt also, eine "wissenschaftliche Grundlage" für die Genehmigung künftiger Transporte zu schaffen. Die Ingenieurgesellschaft "Brenk Systemplanung GmbH" in Aachen, die - nach Meinung des Infodienstes "Strahlentext" - überwiegend für die Atomindustrie arbeitet, wurde damit beauftragt. Der erste Schritt war dabei die "Berechnung von standortbezogenen Freigabewerten für radioaktiv kontaminierte Salzlauge aus dem Forschungsbergwerk Asse", wozu die Ingenieurgesellschaft bereits am 24.7. und 1.8.2008 "Entwürfe" vorlegte. Diese wurden - auftragsgemäß - mit einem Gutachten vom 22.8. konkretisiert, in dem es um den "Einzelfall einer Verbringung in die Grube Mariaglück" ging. Wohlgemerkt: Eine Woche, nachdem die Transporte durch die Äußerung Gabriels skandalisiert worden waren, hatte das NMU "Freigabewerte" für die Zukunft feststellen lassen.

Im nächsten Schritt ging es dann nur noch darum, gutachtlich bestätigen zu lassen, dass diese Grenzwerte eingehalten werden. Dies geschah mit dem am 12.10. ebenfalls von der Brenk Systemanalyse vorgelegten Gutachten "Standortbezogene Freigabe von Zutrittslösungen aus der Schachtanlage Asse. Zwischenbericht von Zutrittslösungen auf der Basis vollständiger Freigabemessungen". Herausgekommen ist ein für Laien ziemlich unverständliches 66-seitiges Werk. Die darin klar definierte Zielsetzung: "Messungen zur Freigabe gefasster Zutrittslösungen zur Abgabe an die Grube Mariaglück"; in der Fußnote findet sich der Hinweis: "Nachträglich wurden weitere ehemalige Salzbergwerke, in denen Asse-Zutrittslösung zur Flutung genutzt werden kann, in die Untersuchungen einbezogen (Bergwerk Hope, südlich von Schwarmstedt, und Schacht Salzdetfurth)." Höfer aber hatte und hat Priorität.

Schon mit eingangs zitierter Pressemitteilung teilte das BfS mit: "Aufgrund der Überprüfungen und erfolgten Umstellungen sieht das BfS unter Gesichtspunkten des Strahlenschutzes die Voraussetzungen für eine Freigabe der Laugen zur Verwertung auch in anderen Bergwerken für gegeben an."

Warum nach Höfer? Gibt es (keine) Alternativen?

Auf Druck der Bürger/innen vor Ort sind in Höfer und Hope Proben aus den Schachtanlagen genommen worden. Und - sieh da: Bei den Ende November im Schacht Mariaglück vom TÜV Nord im Auftrag des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie gezogenen Proben wurde neben Tritium und Cäsium auch das Nuklid Kobalt 60 gefunden. Eine Erklärung konnte zunächst niemand liefern; bei den bei den Untersuchungen der Laugen-Rückstellproben von den Transporten bis Mitte 2008 war dieses Nuklid nicht "aufgefallen".

Nach Angaben des Niedersächsischen Umweltministeriums erfolgte 1983 in der Asse ein deutsch-amerikanischer Si-mulationsversuch mit Kobalt 60-Quellen zur Untersuchung der Auswirkungen von Strahlung auf Steinsalz. Liegt die Ursache hier? Wenn ja - warum wurde dann in den Rückstellproben nichts festgestellt. Sind die Proben - und es wurden ja auch nur ganze acht (!) für Höfer ausgewertet - überhaupt aussagekräftig?

Aber es ist ja auch möglich, dass die Ursache für das Nuklid Kobalt 60 in unbekannten Altlasten des Schacht Mariaglück liegt. Wer kann das z.Zt. ausschließen? In der Umweltausschusssitzung des Kreistages am 20.11.2008 wurde deutlich, dass im Zusammenhang mit der Verbringung der Salzlösungen in den Schacht bisher überhaupt keine Rolle gespielt hat, was dort an Altlasten vorhanden ist. Und seit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges dürfte es einiges gewesen sein, was dort gelagert wurde. Und selbst zuletzt sind nach Angaben der Landkreisverwaltung 100.000 m³ Laugen aus der Rauchgasreinigung von Müllverbrennungsanlagen versenkt worden. (Nebenbei: Wer hat das genehmigt?) Was für ein Giftcocktail wird im Schacht eigentlich zusammengemischt?

Um es deutlich zu sagen: Die Salzlösungen müssen raus aus dem Atommüllendlager Asse II, weil es sonst schlicht und einfach absäuft und die erforderliche Rückholung des Atommülls aus der maroden Anlage nicht mehr möglich ist. Aber: Vor einem Abtransport z.B. nach Höfer/Mariaglück sind alle offenen Fragen zu klären und ist die größt-mögliche Transparenz herzustellen. Und das genau ist bisher nicht geschehen.

Es geht um die Altlasten in Mariaglück, es geht um die Kobalt 60-Frage, es geht auch um eine Diskus-sion des Gefährdungspotentials von Tritium, und es geht um alternative (und ggfs. geeignetere) Verbringungsorte.

Und wenn all dies geklärt ist, geht es auch um ein transparentes und vertrauenswürdiges Kontrollkonzept. Hier fordern wir: Bei eine Wiederaufnahme der Transporte nach Höfer müssen dass Messungen der Radioaktivität nicht nur beim Abtransport, sondern erneut in Höfer vorgenommen werden. Und da die Behörden jegliches Vertrauen verspielt haben, soll z.B. Greenpeace - bezahlt vom Betreiber - unregelmäßig und unangemeldet Messungen am Verfüllungs-standort vornehmen.

Vor allem aber zeigen die Vorgänge und Asse II und Mariaglück: Es gibt keine Sicherheit beim Betrieb von Atomanlagen. Schon gar nicht lässt sich Atommüll für eine Million Jahre sicher lagern. Deshalb ist der sofortige Ausstieg aus der Atomenergie erforderlich, um nicht weiteren Atommüll zu produzieren.

Flugblatt des Celler Forum gegen Atomenergie, verteilt auf der Veranstaltung des BfS in Höfer am 07.01.2009