Schacht "Maria Glück"
Skandal um Asse-Laugen?

Seit Mitte 2006 wurden in der alten Schachtanlage Maria-Glück in Höfer 7208 m³ Salzlösung aus dem Atomenergieendlager Asse II verflutet. Bundesumweltminister Gabriel hatte dies am 12. August am Rande einer "Sommertour" durch Niederbayern mit der Bemerkung erzählt, die Salzlösung sei radioaktiv belastet mit Tritium sowie Uran 235 und 238. Das niedersächsischen Umweltministerium und die Asse-Betreibergesellschaft Helmholtz Zentrum München dementierten sofort jegliches Gefährdungspotenzial. Die Verunsicherung in der Bevölkerung vor Ort konnten sie damit nicht aus der Welt schaffen. Da die ganze Angelegenheit für den normalen Zeitungsleser einigermaßen verwirrend ist, versuchen wir uns mal an einer Sortierung der Fakten und Meinungen sowie der offenen Fragen.

1. Die Asse II ist ein ehemaliges Salzbergwerk bei Wolfenbüttel. Von 1965 bis 1979 wurden dort radioaktive Abfälle eingelagert - offiziell zu Forschungszwecken für die Endlagerung radioaktiver Abfälle in Salzformationen, wie es heißt. So ist die Atomwirtschaft immerhin 124.494 Fässer mit schwachradioaktiven und 1.293 mit mittelradioaktiven Abfällen losgeworden (rund 89.000 Tonnen). Neben anderen Spaltprodukten sind in der Gesamtmenge auch 102 Tonnen Uran, 87 Tonnen Thorium und 11,6 Kilogramm Plutonium enthalten. Betreiber ist das Helmholtz Zentrum München, vordem die Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF).

2. Die Kosten der öffentlichen Hand für das angebliche "Forschungsbergwerk" ASSE II beliefen sich bis 31. Dezember 2007 auf 257 Mio. Euro. Die zukünftigen Kosten werden auf knapp 600 Mio. Euro geschätzt. Obwohl es sich zu 95 % um Abfälle aus Atomanlagen handelt, sind die Verursacher bzw. die Stromkonzerne finanziell nicht beteiligt. - Von 1974 bis 2007 hat die Bundesregierung die kerntechnische Forschung an den Helmholtz-Zentren (Forschungszentren Jülich und Karlsruhe, GKSS Forschungszentrum Geesthacht, Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie und Helmholtz-Zentrum München) mit insgesamt 4,44 Mrd. Euro institutionell gefördert.

3. Seit 20 Jahren hat die Asse ein Problem. Es passierte, was man "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" meinte ausschließen zu können: Wassereintritte aus dem so genannten Deckgebirge. Und wo Wasser "von oben" eintritt, gibt's eben genau die Verbindung zur Biosphäre, die man mit der Endlagerung in Salzgestein für eine Million Jahre verhindern wollte. Heute werden täglich insgesamt etwa 12.000 Liter (12 m³) dieser einfließenden Natriumchlorid-Lösung aufgefangen, insgesamt bisher ca. 60 Millionen Liter. (Im Salzbergbau wird eine gesättigte oder konzentrierte Salzlösung auch als Lauge bezeichnet.)

4. Da man die Anlage ja eigentlich trocken haben will, muss die eingetretene Salzlösung wieder raus aus dem Schacht. Der Betreiber hatte einige Wochen vor Gabriels Wortmeldung hierzu mitgeteilt: "Diese Lösung wird an allen Sammelstellen regelmäßig durch den Strahlenschutz gemessen. Sie ist kontaminationsfrei. Daher darf sie als solche über ein Zwischenspeicherbecken [...] nach über Tage verbracht werden. Diese Lösung wird mit LKW abtransportiert und zur Verfüllung und Stabilisierung anderer Bergwerke verwendet."

5. Zielorte waren zwischen 2005 und 2008 die stillgelegten Schachtanlagen Bad Salzdetfurth (Kreis Hildesheim), Hope (Kreis Soltau-Fallingbostel) und eben Maria Glück (Kreis Celle) - insgesamt sollen dort zusammen rund 20.000 m³ eingelassen worden sein. Mitte 2006 begannen nach Aussagen des Nds. Umweltministeriums die Transport nach Höfer. - Laut NDR 1 Niedersachsen hatte der Asse-Betreiber allerdings eingeräumt, "dass wir über einen Zeitraum von etwa zwölf Jahren Lauge aus der Asse an andere Orte gebracht haben". Zu fragen wäre dann z.B., wohin in der Zeit von 1996 bis 2005 geliefert wurde? (Bereits am 6.7.2008 stellte die Landtagsabgeordnete Christel Wegener eine sehr umfangreiche Anfrage zu der Transportproblematik, siehe unter www.redglobe.de/images/download/080812wegner.pdf)

6. Von 1922 bis 1970 wurde in Höfer Kali und Salz gefördert. Das Bergwerk gehört dem Konzern K+S AG, die in Niedersachsen 28 stillgelegte Kalibergwerke verfügt. Hauptgeschäft von K + S sind Düngemittel und Salzprodukte, aber bundesweit betreibt man auch sieben Untertagedeponien, steckt also auch im "Entsorgungsgeschäft". - Seit 2001 läuft im stillgelegten Bergwerk in Höfer eine Flutung des 5,4 Millionen m³ großen Hohlraums. Bisher sind rund 1,3 Millionen m³ mit Wasser aus der Aschau und Laugen gefüllt worden. Und eben die gut 7, 2 Millionen Liter Salzlösung aus der Asse. (In einigen Meldungen war von 8,8 Mio. Liter die Rede - ganz genau schien man es am Anfang nicht zu wissen.) Die Flutung soll 2012 abgeschlossen sein; ein übliches Verfahren, um alte Salzstollen zu verschließen. - In Hope (Soltau- Fallingbostel) sollen 12,3 Mio. Liter, in Salz Detfurth (Hildesheim) 1,3 Mio. Liter versenkt worden sein.

7. Erstaunlicherweise unterliegt die Asse II nicht dem Atom-, sondern dem Bergrecht. Und das, obwohl es sich um radioaktives Material eingelagert wurde. Genehmigungsbehörde für den Transport nach Höfer ist deshalb das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie in Hannover. Dies erließ für die Versenkung der salzhaltigen Lösungen in die Bergwerke bergrechtliche Sonderbetriebspläne.

8. Die entscheidende Frage ist selbstverständlich: Ist die Salzlösung radioaktiv kontaminiert? Die Aussagen sind unübersichtlich.
·Umweltminister Gabriel hatte behauptet, es gäbe eine Belastung mit Tritium sowie Uran 235 und 238.
·Der Staatssekretär im Nds. Umweltministeriums Stefan Birkner (FDP) sprach von natürlicher Strahlung, die die Salzlösung aufweise. Vermutlich nehme das Wasser beim Fluss durch die Erde in geringen Mengen Uran 235 und 238 auf. Das am Auffangpunkt in 490 Metern Tiefe nachgewiesene Nuklid Tritium lasse sich überirdisch nicht mehr nachweisen, so Birkner. Messungen hätten gezeigt, dass die Aktivitätskonzentrationen stets unterhalb einem Zehntel der Freigabewerte der Strahlenschutzverordnung lägen.
·Das Helmholtz Zentrum bestritt eine nennenswerte radioaktiv Belastung, äußerte sich aber explizit nur zu Cäsium 137 und Tritium: "Die Lösung nimmt keinen Weg durch die Einlagerungskammern, sondern einen anderen Weg, und kann so kontaminationsfrei in der Sohle vor der Kammer 9 auf der 750-m-Sohle gesammelt werden. Ein maximal festgestellter Wert an Cäsium-137 betrug etwa 17 Bq/kg, das ist deutlich weniger als die durchschnittliche Cs-137-Aktivität in einem Kilo Gartenerde in Niedersachsen (ca. 50 Bq/kg)." Die Belastung mit radioaktivem Tritium liege weit unter den Grenzwerten, sagte der für Asse II zuständige Sprecher des Helmholtz Zentrums München, Heinz-Jörg Haury. Seinen Angaben zufolge ist unklar, woher das Tritium stammt. Er schloss aus, dass es aus den eingelagerten Atommüllfässern kommen könnte.
·Die letzte Aussage war schon wenige Tage später hinfällig: Aus einer Studie des Forschungszentrums Jülich und der Universität Clausthal geht hervor, dass eine bislang ungeklärte radioaktive Verseuchung der Salzlösung aus den Atommüllfässern in einer Lagerkammer stammt. Nach Umweltstaatssekretär ist deshalb nicht auszuschließen, dass auch das eindringende Wasser - zwölf m³ täglich - mit den radioaktiven Abfällen in Kontakt komme.

9. Wer misst eigentlich wo und wie oft? Gemessen wird vom "Strahlenschutz" des Helmholtz Zentrums. Der Betreiber prüft also selbst - es gilt ja als Forschung. Scheinbar werden im "Zwischenlager" in der Asse auf 490 m Proben genommen und dann von jeder Ladung der Transportflüssigkeit. In Höfer fanden keinerlei Messungen statt. Und welche Grenzwerte wurden bei der Einordnung zugrunde gelegt? Selbstverständlich die Strahlenschutzverordnung. Die aber macht z.B. einen Unterschied bei maximal zulässigen Strahlenbelastungen zwischen beruflich Strahlenexponierten, also den Betriebsmitarbeitern, und der Bevölkerung.

10. Zur Verunsicherung trägt entscheidend bei, dass das Helmholtz Zentrum und das Nds. Umweltministerium ein Glaubwürdigkeitsproblem haben. Über 20 Jahre hatte man für die Asse behauptet, dass ein Wasserzutritt in das Salzbergwerk Asse im höchstem Maß unwahrscheinlich sei. Seit 1988 aber läuft die Salzlösung, um die es geht. Die Standsicherheit kann nur noch bis zum Jahr 2014 garantiert werden. Stürzen einzelne Kammern oder das gesamte Bergwerk ein, kann das radioaktive Inventar der Fässer innerhalb kürzester Zeit in das Grundwasser gelangen. Das "Versuchs"-Endlager ist faktisch havariert. "Was für die Ewigkeit halten sollte, ist schon nach 40 Jahren am Ende - wie es mit dem radioaktiven Müll weitergehen soll, ist unklar." (Spiegel, 26.06.2008) Die eigentlich unbedingt erforderliche Rückholung der radioaktiven Fässer ist enorm erschwert dadurch, dass ein Großteil der Fässer einfach abgekippt und schon bei der Einlagerung beschädigt wurde. Im Juni war zudem bekannt geworden, dass der Betreiber radioaktiv belastete Salzlauge ohne Genehmigung und offenbar ohne Wissen des zuständigen Umweltministeriums in einen unbelasteten Stollen des Salzstocks geleitet hatte. Bei Cäsium 137 war der Grenzwert bis zum Achtfachen, bei Tritium in der Vergangenheit um das 15-fache überschritten worden, scheinbar ohne dass das Ministerium informiert worden war. Die Linke und die Grünen im Landtag fordern seitdem einen Untersuchungsausschuss, die SPD wird sich wahrscheinlich demnächst anschließen. Fazit: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht.

11. Die Grünen im niedersächsischen Landtag hegen den Verdacht, dass der Betreiber radioaktiv belastete Lauge mit nicht kontaminierter Flüssigkeit vermischt haben könnte, um Grenzwerte zu unterschreiten. Es sei nicht auszuschließen, dass "solcherart verpanschte Lauge" über einen längeren Zeitraum im Landkreis Celle verklappt worden sei, behauptete Fraktionschef Stefan Wenzel in einer Pressemitteilung. Leider wurde nicht mitgeteilt, worauf sich dieser "Verdacht" stützt.

12. Falls die Angaben des Betreibers über die radioaktive Belastung stimmen, gibt es für Höfer kein beunruhigendes Gefahrenpotenzial. Messungen im gefluteten Schacht würden schon überhaupt nichts bringen. Denn selbst für den Fall, dass in der angelieferten Salzlösung Grenzwerte überschritten worden sind: Durch die Vermischung mit 1,3 Millionen m³ Aschauwasser kommt man auf eine Verdünnung im Promillebereich.

13. Die Verwaltungsspitze des Landkreises Celle wie auch der Samtgemeindebürgermeister Eschedes, Günter Berg, und der Gemeindebürgermeister, Michael Cruse, waren uninformiert und deshalb überrascht und verärgert. Kreisdezernent Gerald Höhl äußerte: "Ich würde erwarten, dass die Informationen auf dem normalen Dienstweg zu uns kommen."

14. In einem Gespräch mit Vertretern der von den Transporten betroffenen Landkreisen und Gemeinden sagte Staatssekretär Birkner am 15. August zu, dass zukünftig alle Laugen, die in Asse II aufträten, nach den verschärften Anforderungen des Atomrechts überprüft würden. (Also wurden sie bisher nicht nach scharfen Anforderungen geprüft?) Eine Überprüfung von zurückgestellten Transportproben wurde in die Wege geleitet.

15. Die Transporte nach Höfer waren schon im Juni im Zusammenhang mit der Cäsium-Belastung der anderen Zuflussquelle vom Umweltministerium untersagt worden. Da die Becken, in denen die einströmende Lauge aufgefangen wird, nicht mehr lange reichen, fordert man von Seiten des Helmholtz Zentrums eine schnelle Wiederaufnahme der Transporte.

16. "Was in der Asse passiert, ist nicht unser Problem. Uns interessiert, was hier in Höfer passiert?, sagte der Bürgermeister Cruse auf der Gemeinderatssitzung am 18. August in Höfer. Mit Blick auf die Aufgaben des Gemeinderates hat er recht. Aber: Angesichts der Unmengen strahlenden Mülls, den die Atomenergienutzung als Hinterlassenschaft hervorgebracht hat, ist nichts mehr wie vorher. Es ist ein Problem für eine halbe Ewigkeit, und das nun geht jedeN etwas an.

    aus: revista - linke zeitung für politik und kultur aus celle, Nr. 40, Sept./Okt. 2008, S. 5-7.